Die weiße Dame von Granzendorf

Die weiße Dame von Granzendorf - Foto: © Oliver Hellweg
Foto: © Oliver Hellweg

Nahe von Walkendorf befand sich einst das Dorf Granzendorf. Seine Bewohner waren keineswegs friedlich. Sie raubten alles, was ihnen gefiel. So entwendeten sie eines Tages die Walkendorfer Kirchenglocke, um sie in ihrem Kirchturm aufzuhängen. Eines Nachts brach in ihrem Granzendorf ein gewaltiges Feuer aus. Das ganze Dorf stand in Flammen. Die Kirchenglocke sollte Hilfe herbeiläuten, aber, oh Weh, die geraubte Glocke schwieg. Das ganze Dorf brannte ab, nur der Kirchturm mit der geraubten Glocke blieb. Alle Einwohner flüchteten in die benachbarte Umgebung, aber vorher, um die Schandtat zu vertuschen, versenkten sie die geraubte Glocke im Granzendorfer See. Dort ruht sie immer noch.

Johannistag

Jedes Jahr am Johannistag läutet sie, wenn jemand im See ein weißes Taschentuch auswäscht. Noch heute wird die Glocke von einer weißen Dame bewacht. Sie passt auf, dass kein boshafter Mensch zu nahe an den See kommt und dass er sich vor allem anständig beträgt, um eine Geschichtswiederholung zu vermeiden. In den 1950er oder 60er Jahren pflügte nahe des Sees ein junger Bursche, der alles besser wusste und jeden Ratschlag missachtete. Er zog die Furche so ungünstig am Abhang entlang, dass sich der Traktor überschlug und den Burschen unter sich begrub. Für jeden war klar: die weiße Dame hatte ihn in den See gezogen! Noch heute warnt die weiße Dame jeden am Granzendorfer See.

In den 1990 Jahren wollte ein neu zugezogener, junger Verwalter aus Zeitgründen nachts am See pflügen. Die Walkendorfer warnten ihn. Doch auch dieser junge Mann glaubte nicht an „Spökenkram“ und begann trotz alledem mit seiner nächtlichen Arbeit. Schon nach kurzer Zeit erloschen die Scheinwerfer seines Traktors. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in rabenschwarzer Nacht über den weiten, holprigen Acker den Weg nach Hause zu suchen.